suitX by Ottobock: Was steckt in der Hardware - und was misst Airgo XP wirklich?
suitX Airgo XP = Samsung Galaxy XCover 7 mit IMU-Sensorik. Was IMUs messen koennen - und wo sie an physikalische Grenzen stossen. Eine technische Einordnung.
Wer ein Exoskelett für den Betrieb kauft, kauft meistens eine Analyse-Lösung gleich dazu. Was dabei selten geklärt wird: Was misst diese Analyse tatsächlich – und wo liegen die physikalischen Grenzen der Technologie?
Was verspricht das suitX-System?
Rückenerkrankungen gehören zu den häufigsten Ursachen für Langzeitausfälle in Logistik, Produktion und Montage. Sicherheitsbeauftragte und Betriebsärzte suchen nach konkreten Lösungen – nicht nach Broschüren. suitX by Ottobock ist in diesem Segment eines der bekanntesten Systeme im DACH-Raum. Das Versprechen: weniger Belastung beim Heben, weniger Ausfälle, mehr Daten über die tatsächliche Körperbeanspruchung.
Drei Komponenten bilden das suitX-Portfolio für den Rücken. Zwei davon entlasten – eine analysiert. Wer eine fundierte Kaufentscheidung treffen will, sollte alle drei kennen.
Die Hardware im Detail: IX BACK AIR, IX BACK VOLTON und Airgo XP
IX BACK AIR ist das passive Modell. Keine Elektronik, kein Akku – eine Karbonfeder-Struktur, die den Rumpf beim Vorbeugen stützt und beim Aufrichten Energie zurückgibt. Ottobocks eigene Forschung (Schmalz et al., 2022) hat das Vorgängermodell Paexo Back unter Laborbedingungen untersucht: Bei repetitivem Heben von 10 kg sanken die Kompressionskräfte an L4/L5 um 21 %, an L5/S1 um 20 %. Die Rückenmuskelaktivität reduzierte sich um bis zu 18 %. Das sind starke Zahlen – mit der Einschränkung, dass die Studie zehn Probanden umfasste und ausschließlich Beugebewegungen testete.
IX BACK VOLTON ist das aktive Pendant. Ein Elektromotor verstärkt die Unterstützung, ein Akku versorgt das System. Zielgruppe: Tätigkeiten mit variablen Lasten und häufigen Richtungswechseln, zum Beispiel in der Intralogistik. Das etwas höhere Gerätegewicht ist dabei eine Abwägungsfrage.
Airgo XP ist das Analyse-Tool des Systems. Es ist kein eigenständiger Sensor – es ist ein Samsung Galaxy XCover 7, ein robustes Android-Smartphone, das am Körper getragen wird. suitX schreibt dazu auf der eigenen Produktseite: "Introducing the AIRGO XP user device: the robust, high-quality, and enduring Samsung Xcover 7."
Wie Airgo XP wirklich misst – IMU, App und Ergo Score
Das Smartphone enthält eine integrierte IMU: Accelerometer und Gyroscope. Dasselbe Sensorprinzip steckt in jedem modernen Handy. Der Accelerometer misst die Gravitationsbeschleunigung und leitet daraus den Neigungswinkel des Geräts ab. Das Gyroscope erfasst Winkelgeschwindigkeiten. Zusammen ergibt sich eine Schätzung der Rumpflage im Raum – wie stark ist der Körper nach vorne geneigt, wie schnell verändert sich die Haltung?
Die suitX-App verarbeitet daraus einen Ergo Score und zählt Büchhaltungen (Bends), Schritte, Kalorien und getragene Gewichte. Das Manager-Dashboard liefert aggregierte, anonymisierte Daten nach Arbeitsstation.
Das funktioniert für seinen Zweck: grobe Haltungsklassifikation im Betrieb. Die App unterscheidet drei Aktivitätszustände – Idle, Travel, Pick & Pack – und gibt dazu Coaching-Empfehlungen. Nützlich, wenn man wissen will: "Wie viel Zeit verbringt ein Mitarbeiter täglich in stark gebeugter Haltung, und bei welcher Tätigkeit?"
Entscheidend ist, was das System nicht messen kann. Der Sensor sitzt an einer Stelle des Rumpfes. Er erfasst die Neigung dieses einen Segments – nicht die Geometrie der Wirbelsäule dahinter.
IMU vs. Geometrie-Messung: Was ist der Unterschied?
Das ist der technisch relevante Punkt. Wenn ein Mitarbeiter sich nach vorne beugt, kann dieselbe Rumpfneigung von 30° entstehen durch:
- eine Beugung aus der Hüfte bei gerader Wirbelsäule
- eine starke Kyphose der Brustwirbelsäule
- eine Hyperflexion der Lendenwirbelsäule (Verlust der Lordose)
- oder eine Kombination aus allem
Ein einzelner IMU am Rücken sieht nur den Gesamtneigungswinkel – keine Unterscheidung, wo in der Wirbelsäule die Bewegung stattfindet.
Die Forschung quantifiziert das. González-Alonso et al. (2026) validierten ein IMU-System für RULA-Ergonomiebewertungen in einer Automobilfabrik und erreichten einen RMSE von unter 10° für Ellbogengelenke, unter 12° für Schultergelenke. Für eine standardisierte betriebliche Risikoeinschätzung – ausreichend. Für segmentspezifische Wirbelsäulenanalyse – nicht ausgelegt.
Koca & Koca (2025) verteilten fünf IMU-Sensoren entlang der gesamten Wirbelsäule (C1, C7, T5, T12, L5) und trainierten ML-Modelle zur Lordose/Kyphose-Klassifikation. Ergebnis: Balanced Accuracies zwischen 0.55 und 0.82. Die Autoren bezeichnen ihre Ergebnisse explizit als "exploratorische Indikatoren" – nicht als klinisch valide Diagnose. Fünf Sensoren entlang der ganzen Wirbelsäule, und es bleibt bei Näherungswerten. Ein Smartphone, das an einem Punkt am Rücken sitzt, liefert entsprechend weniger – das ist eine physikalische Grenze des Messprinzips, keine Produktschwäche.
| Eigenschaft | Airgo XP (1 IMU) | Rectify FlexTail |
|---|---|---|
| Messpunkte | 1 Gerät am Rücken | 18 Messknoten entlang der Wirbelsäule |
| Lordose erkennbar | Nein | Ja, segmentgenau |
| Torsion erkennbar | Nein | Ja |
| Lateralflexion | Grob (Gesamtsegment) | Segmentspezifisch |
| Schulterstellung | Nein | Ja |
| Geeignet für | Betriebliche Schicht- und Haltungsklassifikation | Individuelle Wirbelsäulengeometrie, gezielte Maßnahmenableitung |
FAQ: Smartphone inklusive? Kosten? Unabhängig nutzbar?
Ist im Lieferumfang des Airgo XP ein Smartphone enthalten? Ja. Das Airgo XP besteht aus dem Samsung Galaxy XCover 7, einer Körperhalterung und der suitX-App mit Zugang zum Manager-Dashboard.
Kann man das Exoskelett ohne Airgo XP nutzen? Ja. IX BACK AIR und IX BACK VOLTON sind eigenständige Produkte. Airgo XP ist ein separat buchbares Analyse-Tool.
Was kostet das System? suitX listet keine öffentlichen Preise. Der Zugang läuft über den Ottobock-Vertrieb auf Anfrage. In der Branche sind Leasingmodelle verbreitet.
Wie lange dauert es, bis belastbare Daten vorliegen? suitX empfiehlt mindestens sechs Monate Nutzung für auswertbare Erkenntnisse.
Was ist der Unterschied zu MotionMiners? MotionMiners ist ein eigenständiges Analyse-Unternehmen aus Dortmund mit eigener Hardware (dedizierte Wrist- und Gürtel-Sensoren, kein Smartphone). In Kooperation mit suitX existiert das Produkt "Bionic Analytics" – eine tiefergehende betriebliche Studie mit mehrwöchiger Exoskelett-Nutzung kombiniert mit MotionMiners-Messung. Das ist eine andere Produktkategorie als Airgo XP und nicht Bestandteil des Standard-Pakets.
Vergleich: Airgo XP vs. Rectify FlexTail
| Kriterium | Airgo XP (Samsung XCover 7) | Rectify FlexTail |
|---|---|---|
| Messverfahren | IMU – Neigungswinkel (Accelerometer + Gyroscope) | Flex-Sensoren / verteilte Knoten – 3D-Geometrie |
| Messpunkte | 1 Gerät am Rücken | 18 Messknoten entlang der Wirbelsäule |
| Lordose messbar | Nein | Ja |
| Torsion messbar | Nein | Ja |
| Lateralflexion | Grob | Segmentspezifisch |
| Schulterstellung | Nein | Ja |
| Formfaktor | Smartphone-Clip | In Kompressionsshirt integriert (rectify.de) |
| Analyse-Ziel | Schichtbewertung, Tätigkeits-Risikoprofil | Individuelle Haltungsgeometrie |
| Validierungsstudien | Keine unabhängige Peer-reviewed-Studie gefunden | Je nach System vorhanden |
Für wen ist welcher Ansatz geeignet?
Drei Fragen helfen bei der Einordnung:
1. Soll der Arbeitsplatz bewertet werden oder die Person? Wenn das Ziel ist, bei welchen Tätigkeiten und in welchem Ausmaß Mitarbeiter körperlich beansprucht werden – wie viele Büchhaltungen pro Schicht, wie lange in stark gebeugter Haltung – dann ist ein IMU-System wie Airgo XP ein solides Werkzeug. Die Erkenntnisse lassen sich mit Exoskelett-Einsatzdaten kombinieren und helfen bei der Arbeitsplatzgestaltung.
2. Geht es um individuelle Beschwerden und deren Ursache? Wenn die Frage lautet: "Warum hat Mitarbeiter X wiederkehrende Beschwerden in der unteren LWS, obwohl die Gesamtbelastung vergleichbar ist?" – dann wird die Wirbelsäulengeometrie relevant. Wo genau liegt die Beanspruchung? Dominiert Flexion in einem bestimmten Segment? Gibt es eine kompensatorische Lateralneigung? Der Rectify FlexTail – ein in ein Kompressionsshirt integrierter Sensor mit 18 Messknoten – misst genau das: lumbale Lordose, Torsion, Lateralflexion und Sagittalneigung segmentgenau und in Echtzeit.
3. Entlastung, Analyse oder beides? Exoskelett und Haltungsanalyse lösen verschiedene Probleme. Ein Exoskelett entlastet die Muskulatur mechanisch – das ist unabhängig von der Sensorqualität. Eine gute Analyse hilft, den richtigen Einsatz des Exoskeletts zu definieren und zu dokumentieren. Beides zusammen bedeutet nicht, dass die Analyse automatisch segmentgenaue Präzision erreicht.
Für betriebliche Ergonomie-Studien, bei denen es um Schichtbewertung und Risikoprofile nach Tätigkeit geht, ist Airgo XP ein praktikabler Einstieg. Wer darüber hinaus individuelle Wirbelsäulenmechanik verstehen und gezielte Maßnahmen ableiten will, ist mit Rectify besser bedient – weil die Hardware das Problem direkt misst, statt es zu schätzen.
Quellen
- suitX by Ottobock. Airgo XP Produktseite (archiviert Dezember 2025). https://web.archive.org/web/20251219010614/https://www.suitx.com/en/products/airgo-xp
- González-Alonso et al. (2026). Development of an end-to-end hardware and software pipeline for affordable and feasible ergonomics assessment in the automotive industry. arXiv:2601.17574.
- Koca, Koca (2025). Anatomy-Based Assessment of Spinal Posture Using IMU Sensors and Machine Learning. Sensors (Basel), 25(19):5963. DOI: 10.3390/s25195963.
- Schmalz T, Bellmann M, Reimer K, Ernst M. (2022). A Passive Back-Support Exoskeleton for Manual Materials Handling. IISE Transactions on Occupational Ergonomics and Human Factors, 10(1):7-20. DOI: 10.1080/24725838.2021.1950951.
- Luger T et al. (2023). Using a Back Exoskeleton During Industrial and Functional Tasks. Human Factors, 65(1):5-21. DOI: 10.1177/00187208211007267.
- Jakobsen MD et al. (2024). In-Field Training of a Passive Back Exoskeleton Changes the Biomechanics of Logistic Workers. IISE Transactions on Occupational Ergonomics and Human Factors, 12(3):149-161. PMID: 38869954.
- Zheng L et al. (2024). Evaluation of a passive back-support exoskeleton during in-bed patient handling. International Journal of Occupational Safety and Ergonomics, 30(4):1226-1233. PMID: 39154219.
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